Rezension

CAPTUM Born. Twice. – Isabel Kritzer

Lesedauer: 6 Minuten

Quelle Trailer: Isabel Kritzer

Weltenvorstellung

Titel: CAPTUM Born. Twice.
Autorin: Isabel Kritzer
Verlag: Drachenmond Verlag 
Seiten: 467
Erscheinung: 21.03.2019
Formate: eBook und Taschenbuch

Klappentext

Ein SOLDAT.
Zwei NAMEN.
Zwei LÄNDER.
Ein KRIEG.

„Einer unter Millionen.“

Als die kleine Mia den abgemagerten David auf einer mexikanischen Müllhalde vor dem Hungertod rettet, ist es für beide ein Tag wie jeder andere und doch einer der letzten dieser Art. Geboren in der Hölle, gefangen inmitten von Grausamkeit und Tod, strebt David danach, seinem Schicksal zu entfliehen …

So beginnt die Geschichte eines genialen Jungen, der vom Militär zum Killer ausgebildet wird und immer tiefer im Sumpf des Drogenkriegs zwischen den USA und Mexiko versinkt. Einzig das Bild zweier grüner Augen begleitet stets seinen Weg. Doch als Erinnerung und Realität auf feindlichem Gebiet kollidieren, muss er sich entscheiden:

Wird er töten, um zu überleben?

Erster Satz

»Ich habe gelitten, ich habe geliebt und ich habe getötet, oft getötet«, sagte der alte Mann. 

S. 9

Rezension

*** REZENSIONSEXEMPLAR***

Die Geschichte 

»CAPTUM« kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie »gefangen« zu sein – sowohl innerlich, als auch äußerlich. Jeder von uns kennt Phasen im Leben, in denen wir uns Zwängen aussetzen und das Gefühl haben, nicht wir selbst sein zu können…
Doch was ist, wenn es Menschen gibt, die ihr ganzes Leben lang »gefangen« sind? Sie in einem höllengleichen Leben feststecken? Unendlich viel Leid, Armut, Todesangst und Krieg erleben? Sogar mittendrin stecken und diesem scheinbar nie entkommen können? 
Aber was wäre, wenn ein kleiner Junge doch zu hoffen wagt? Es wagt, an eine Zukunft außerhalb seines sinnbildlichen Gefängnisses zu glauben? 

Isabel Kritzer erzählt in ihrem Psychothriller mit romanhaften Elementen von David, einem kleinen Jungen, der in einer sehr armen Gegend in Mexiko aufwächst. Ohne Verwandte  – sondern mit einigen Kindern sowie seinen »Tanten« – lebt er in einer heruntergekommenen Unterkunft. Täglich muss er mit der Angst leben, am Hungertod zu sterben oder bei Rangeleien um noch essbaren Abfall getötet zu werden. Trotz allem hegt er große Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auf ein gemeinsames, sorgenfreies Leben mit der kleinen Mia. Denn sie ist die Kraft, die ihn immer wieder aufs Neue antreibt, sich durch die Tage zu kämpfen und nach vorne zu blicken. Die wahrhaftige Hölle zu überleben. 

Als ich bereits dachte, dass das Leben für den kleinen, mageren David nicht hätte schlimmer werden können, zog die Autorin die Schicksalsstricke immer mehr zusammen und gipfelte dadurch schon nach den ersten 70 Seiten in dem bedrückendsten und für mich schlimmsten Moment der gesamten Geschichte. 

»Von seinem Kinn tropfte eine einzelne Träne unter den Kranz ihres linken unteren Lides und die blicklosen großen, grünen Augen schienen nun, obwohl sie das schon nicht mehr konnten, auch zu weinen.« (S. 68)

Im Laufe der Zeit habe ich dann erlebt, wie David vom Schuhputzjungen zu einem genialen, klugen und empathischen Elitesoldaten heranwächst. Dennoch scheinen ihn seine Dämonen der Vergangenheit nicht loszulassen. Niemals kann er sich in Sicherheit wiegen, ständig merkt er, dass er noch immer ein Gefangener seines alten Lebens ist. Trotz allem bleibt ihm die ganze Zeit über eins: seine Liebe zu Mia und damit die Hoffnung. 

»Wenn Sie bereits durch die Hölle auf Erden gegangen sind, dann kann Sie eigentlich nur noch der Himmel schrecken.« (S. 458)

 
 
Meine Meinung zur Geschichte 

Nachdem ich »CAPTUM« beendet habe, musste ich erst einmal in Erfahrung bringen, wie sich ein Psychothriller definiert. Erinnerte mich diese Geschichte doch eher an einen Roman mit Thrillerelementen, als anders herum. Doch was weiß ich schon, wenn ich sonst mehr in magischeren Gefilden verweile? Schnell habe ich daraufhin also eine kurze Definition gesucht:

»Charakteristisch für Thriller ist das Erzeugen eines Thrills, einer Spannung, die nicht nur in kurzen Passagen, sondern während des gesamten Handlungsverlaufs präsent ist, ein beständiges Spiel zwischen Anspannung und Erleichterung.«
»Im Psychothriller ist der Konflikt, der sich zwischen den Hauptfiguren entfaltet, eher geistig oder emotional als physisch.«

(Wikipedia)

CAPTUM ist EINDEUTIG ein Psychothriller. Mit romanhaften Anteilen. Ich weiß jedoch immer noch nicht, wie ich dieses Buch am ehesten beschreiben kann, geschweige denn, was ich schlussendlich fühle.

Wenn ich an Davids Leben denke, assoziiere ich direkt ein Gefühl, das stark ans »gefangen sein« erinnert. Ich bin gefangen durch Davids Vergangenheit. Seiner Zukunft. Durch sein ganzes Denken und Handeln. Seine widersprüchlichen Gefühle haben mich abgeholt, mich mit auf Reisen in unbekannte Dimensionen genommen und mein Herz berührt. Tiefgang, aber auch schwere Kost erwarteten mich. Zu oft musste ich schlucken, mich an den einzelnen Worten haltsuchend festhalten, um nicht in Schrecken, Trauer und Wut zu versinken.
Anderseits war da aber auch dieser greifbare Hoffnungsschimmer in Davids Gedanken. Er breitete sich immer wieder aus und half dabei, dass auch ich an eine bessere Zukunft für David glaubte.
Doch wird er diese bekommen? Kann er seine Dämonen hinter sich lassen? Mit sich ins reine kommen, nach den ganzen Taten als Elitesoldat? Würde er sein Höllenleben überleben?
Diese Fragen werden euch das ganze Buch über begleiten. Doch die Antworten darauf müsst ihr – so wie ich auch – selbst herausfinden.

»I just want it all.
Don’t withhold it from me. 

I just want it all.
But now it’s t’late for me. 

I keep trying for us.
And try to hold on you.
I try to save myself for you.

Try to believe – in what we have.
Try to accept – who I am.
Try to – be a good man.«

(S. 293) 

CAPTUM ist für mich keine Geschichte, bei der ich sagen kann, dass ich sie liebe. Dazu ist sie zu real. Zu nah. Zu erschütternd. Zu beängstigend.
Jedoch ist David ein Charakter, den ich zu lieben gelernt habe. Eben durch seine Authentizität, durch seine auf mich übergreifenden Gefühle, durch seine Empathie und seine überaus menschlichen Zweifel über sich selbst. 

Allem voran geht aber, dass er jemand ist, der bedingungslos lieben kann. Wie also könnte ich diesem kleinen Jungen, der unschuldig auf die Welt kam und nur Leid erleben muss, meine Liebe verwehren? Einem Jungen, der die Hoffnung nie aufgibt und um sein Leben kämpft?
Seine Geschichte hat somit einen wichtigen Platz in meinem Herzen eingenommen. 

Schlussendlich zeigt sich für mich, dass CAPTUM als Titel des Buches die perfekte Beschreibung für Davids Gedankenwelt ist. Es war spannend, ihn auf seinem Weg zu begleiten und herauszufinden, ob er sich aus seinem innerlichen Gefängnis jemals befreien kann.

 

 
Schreibstil und Aufbau

Isabel schreibt in der personalen Erzählform, aus der Sicht von David. 

Sie hat es mit ihren Worten geschafft, seine Gedanken lebendig werden zu lassen. Seine Gefühle sind für mich klar greifbar, aber entsprechend seiner Erfahrungen im Leben widersprüchlich, denn er hadert – trotz positiver Momente – immer wieder mit sich und der Welt. 

Authentisch. Das beschreibt Isabels Stil am meisten, denn ihre Recherche zur Armee, den gesellschaftlichen Hintergründen in Teilen Mexikos und den Entwicklungen, die der Drogenkrieg nimmt, scheinen tiefgreifend zu sein. Davids Geschichte wirkt mit jeder Zeile echter.

Hierdurch bekam mich aber auch das Gefühl, nicht so schnell mit dem Lesen voranzukommen wie sonst. Zu sehr vereinnahmten mich die einzelnen Szenen, Davids Gedanken und sein erschreckendes Leben. Es ist meiner Meinung nach definitiv keine leichte Kost – doch genau das macht CAPTUM wiederum zu einem brillanten Psychothriller. 

Zuweilen lassen sich kurze Sequenzen, bedeutet Kapitel mit nur knapp zwei Seiten, finden. Sie zeigen Einblicke in normale Alltagsmomente, die die Welt nur noch echter wirken lassen. Ich selbst fand sie für den Lesefluss ab und an zwar etwas störend, da ich lieber die Haupthandlung weiterverfolgen wollte. Jedoch verstehe ich deren Sinn und habe die kurzen Einblicke in »normale«, also nicht nervenaufreibende Situationen, zum Teil genossen; so ließen sie es doch zu, dem restlichen Schrecken einen Moment zu entkommen. 

 
Charaktere

Authentisch. Aus dem Leben gegriffen. Echt.
Alle Menschen in Davids Leben, einschließlich er selbst, wirken so nah, als würden sie ihrem fiktiven Leben gerade tatsächlich ausgesetzt sein. Starke Gefühle, nachvollziehbare Handlungen und besonders die Entwicklungen der einzelnen Charaktere machen CAPTUM zu mehr als einer Geschichte. Denn sie erzählen von Schicksalsschlägen und Lebensumständen, die Menschen irgendwo auf der Welt TATSÄCHLICH erleben.

 

 

Fazit

CAPTUM ist in jedem Fall nicht einfach zu verdauen und keine Geschichte für »mal eben«. Es wird eine Story erzählt, die wirklich so erlebt werden könnte oder vielleicht sogar bereits wurde.
LIEBEN werde ich diese Geschichte NIEMALS. Wie könnte ich mich auch in so eine authentische Welt, die oft nichts als Leid, Armut und Krieg bereit hält, verlieben? Dies würde bedeuten, das Schicksal von David zu lieben. Es gut zu finden. Aber das mache ich nicht.
ABER genau DESWEGEN finde ich CAPTUM brillant erzählt. Es wirkt echt. Es lässt etwas in mir aufschreien – lässt mich rastlos zurück. Wie kann ein einziger Mensch nur so viel Leid ertragen?

Danke, Isabel Kritzer, für dieses Buch. Danke dafür, dass du das Leben als das zeigst, was es sein kann: hart, unfair, leidvoll und grausam.
Ich danke dir aber auch dafür, dass du zeigst, was trotz allem wichtig ist und woran wir uns – auch in den schlimmsten Zeiten –  festhalten sollten.

Nämlich an Hoffnung und Liebe. 
Vor allem aber auch an der Liebe zu uns selbst – denn dann geben wir niemals auf.

»Ihre Geschichte ist einzigartig. Sie ist der Stoff, aus dem die Träume Hollywoods gemacht sind. Die, die im realen Leben Alpträume verursachen. Ich vermag mir nicht vorzustellen, wie es gewesen sein muss, das alles wirklich zu erleben. Sie haben es verdient, sich nu8n zurückzulehnen und zufrieden zu sein, mit sich und der Welt. Zufrieden mit dem, was Sie geleistet haben. Sie sind ein Mensch wie alle anderen und haben auch wie alle anderen das Recht, einfach nur zu sein, vergessen Sie das nie.«

(S. 462)

Danke an Isabel für das Rezensionsexemplar!

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